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Der Traum von der Vier-Tage-Woche
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Unternehmenskultur

Der Traum von der Vier-Tage-Woche

Jessica Totzek
Jessica Totzek

Vier Tage arbeiten, drei Tage erholen, mehr Freizeit haben und das Ganze bei gleichbleibendem Gehalt. Hört sich nach einer guten Arbeitswoche an, oder? In Belgien können Arbeitnehmer:innen seit 2022 ihre Arbeit statt in fünf auch in vier Werktagen erledigen. Auch in Deutschland gibt es viele Anhänger:innen dieses Arbeitszeitmodells. Nicht nur die Zufriedenheit der Arbeiterschaft wird dadurch nämlich gesteigert, sondern auch die Motivation und Produktivität. Gibt es tatsächlich nur Vorteile bei diesem Modell? Was Sie zur 4-Tage-Woche wissen sollten und ob sie das Modell unserer Zukunft sein wird, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Zwei Modelle

Heute unterscheidet man vor allem zwischen zwei Hauptmodellen. Das erste ist das „belgische Modell“ und steht für gleiche Arbeitsstunden an weniger Arbeitstagen bei gleichem Gehalt. Das „isländische Modell“ beinhaltet weniger Arbeitsstunden an weniger Arbeitstagen bei gleichem Gehalt. Ein großer Vorteil ist, dass es sich bei beiden Modellen aber nicht um Teilzeit handelt. Denn Teilzeit bedeutet zwar mehr Zeit, aber weniger Geld und schließlich auch weniger Rente.

Die Bedeutung der Vier-Tage-Woche

Hätten deutsche Arbeitnehmende die Wahl, würden sich 54 Prozent eher für eine Vier-Tage-Woche als für eine Gehaltserhöhung entscheiden (HubSpot, 2022). Denn zu lange Arbeitszeiten und das Nichteinhalten von Pausen steigert erheblich das Risiko zu erkranken und wirkt sich negativ auf die Mitarbeitermotivation und -zufriedenheit aus. Mit Einführung der 4-Tage-Woche haben Sie die Gelegenheit, Ihre Unternehmens- und Arbeitgebermarke zu schärfen und zu zeigen, dass Sie auch eine jüngere Zielgruppe ansprechen möchten. In einer Zeit, in der Digitalisierung, Fachkräftemangel und die Forderungen der Generationen Y und Z nach mehr Flexibilität, Lebensqualität und mehr Zeit immer lauter und bedeutender werden, schaffen Sie sich damit erhebliche Wettbewerbsvorteile und grenzen sich von Konkurrenten auf dem Markt ab.

Vorteile der Vier-Tage-Woche

Das vielleicht wichtigste Argument für eine kürzere Arbeitswoche mit weniger Stunden ist: Die Produktivität trägt meistens keinen Schaden davon. Zum Teil liegt das daran, dass Menschen die Erledigung einer Aufgabe auf Grundlage der zur Verfügung stehenden Zeit gerne unbewusst strecken oder verkürzen. Konzentriert man sich also auf einen kurzen, aber dafür intensiven Zeitraum, kann sich besser auf die wichtigen Aufgaben im Arbeitsalltag fokussiert und die Arbeit viel effektiver erledigt werden. Wichtig ist hierbei eine gute Planung der Ziele und Aufgaben sowie eine offene und ehrliche Kommunikation im Betrieb.

Weitere Vorteile:

  • Mehr Zeit für Familie, Freunde, Hobbys, Weiterbildung, ehrenamtliches Engagement etc.

  • Steigerung der Motivation, Zufriedenheit, Bindung und Arbeitgeberattraktivität

  • Positive Auswirkung auf Kreativität und Produktivität

  • Stressprävention durch längere Erholungsphasen

  • Weniger Krankmeldungen / Fehltage Krankheitsausfälle

  • Zeit-, Energie- und Kostenersparnisse

Nachteile der Vier-Tage-Woche

Manche Branchen werden Probleme haben, das neue Modell einzuführen. Pflegeeinrichtungen und Kliniken müssten mehr Menschen anstellen, um eine gute Betreuung der Patient:innen zu gewährleisten, was bei dem aktuellen Fachkräftemangel und aufgrund der daraus resultierenden höheren Kosten sehr schwierig ist. Auch in Produktionsbetrieben würde zusätzliches Personal benötigt werden, um die gewohnte Produktion aufrechtzuerhalten. Wenn der Großteil der Kund:innen oder auch die Konkurrenz das Konzept nicht nutzen, macht sich das System dort schnell als Nachteil bemerkbar. Denn ein arbeitsfreier Tag mehr bedeutet längere Wartezeiten für Supportanfragen und fehlende Umsätze. Dem kann man entgegenwirken, indem das Team geteilt wird und eine Hälfte am Montag, die andere Hälfte am Freitag arbeitet. Und wenn der fehlende Arbeitstag dazu führt, dass manche Aufgaben nicht geschafft werden, kann dies wiederum zu informellen Stunden oder zu übermäßig vielen Überstunden führen.

Die Nachteile im Überblick:

  • Nicht für alle Branchen umsetzbar

  • Höhere Kosten

  • Weniger Service und Flexibilität

  • Weniger Zeit für Austausch zwischen Kolleg:innen

  • Informelle Stunden bzw. Überstunden

  • Höherer Leistungsdruck

Wo der Traum vom langen Wochenende schon gelebt wird

Belgien setzt seit 2022 als erstes EU-Land gesetzlich auf die Möglichkeit einer Vier-Tage-Woche bei gleicher Arbeitszeit. Arbeitnehmer:innen entscheiden flexibel, ob sie ihre Stunden auf vier oder fünf Tage aufteilen. So werden einzelne Arbeitstage länger, dafür bleibt das Wochenende länger frei. Genutzt wird das Modell bislang allerdings kaum: Erst rund 2,85 Prozent der belgischen Unternehmen bieten es an (Acerta, 2025).

In Österreich bot der Discounter Lidl ab 2022 einem Teil seiner Büromitarbeitenden an, die Regelarbeitszeit von 38,5 Stunden in vier statt fünf Tagen abzuleisten. Nach rund einem halben Jahr stellte Lidl Österreich das Angebot wieder ein, weil es kaum genutzt wurde (Der Standard, 2023).

In Spanien war ein staatlich gefördertes Pilotprojekt für bis zu 200 kleine und mittlere Unternehmen angekündigt. Tatsächlich nahmen am Ende nur fünf Unternehmen teil, und der größte Teil der Fördermittel blieb ungenutzt (El Correo Gallego, 2024). Davon getrennt lief 2023 in Valencia ein regionales Experiment mit verkürzter Arbeitszeit.

Island hat zwischen 2015 und 2019 die Arbeitszeit von bis zu 2500 Arbeitskräften von 40 auf 35 oder 36 Stunden bei gleichbleibender Bezahlung verkürzt. Das Wohlbefinden und die Produktivität der Mitarbeitenden hat sich deutlich verbessert, Arbeitsabläufe wurden optimiert, es wurde enger mit Kolleginnen und Kollegen zusammengearbeitet und sich weniger krankgeschrieben. Auch ist die Anzahl der Überstunden im Vergleich zur 5-Tage-Woche kaum angestiegen und die Umstellung war unkomplizierter als zuvor befürchtet. Nach den Versuchen weiteten Gewerkschaften und Arbeitgeber kürzere Arbeitszeiten stark aus: Bis 2022 hatte rund die Hälfte der isländischen Beschäftigten kürzere Wochenarbeitszeiten übernommen (Autonomy, 2024).

In Schottland blieb die 2021 angekündigte Förderung von rund 10 Millionen Pfund für Privatunternehmen ungenutzt. Erprobt wurde die Vier-Tage-Woche stattdessen von 2023 bis 2025 im öffentlichen Sektor, mit zwei Behörden und rund 260 Beschäftigten. Eine breitere Einführung lehnte die Regierung anschließend ab (Civil Service World, 2025).

In Schweden ging es beim bekannten Experiment von 2015 bis 2017 nicht um eine Vier-Tage-Woche, sondern um den Sechs-Stunden-Tag bei einer 30-Stunden-Woche an fünf Tagen, etwa im Pflegeheim Svartedalen in Göteborg. Das Personal war gesünder und zufriedener, die Umsetzung war jedoch teuer, weshalb sie nicht dauerhaft fortgeführt wurde. Echte Vier-Tage-Woche-Pilotprojekte begannen in Schweden erst 2023 (Euronews, 2024).

In Japan schickte Microsoft seine Mitarbeitenden testweise für einen Monat ins lange Wochenende. Im Vergleich zum vergangenen Jahr wurde dabei die Anzahl der Arbeitstage um 25 Prozent, die Anzahl der gedruckten Blätter um 58 Prozent und der Stromverbrauch um 23 Prozent reduziert. Gestiegen ist die Produktivität um rund 40 Prozent. 92 Prozent der Mitarbeitenden gaben zum Ende an, dass sie mit dem Projekt glücklich waren. Die Zahlen stammen aus Microsofts eigener Auswertung eines einmonatigen Versuchs; der Produktivitätssprung von rund 40 Prozent bezieht sich dabei auf den Umsatz pro Mitarbeitendem (World Economic Forum, 2019).

In Neuseeland testete der Konzern Unilever von Ende 2020 an rund 18 Monate die Vier-Tage-Woche bei vollem Lohn. Eine unabhängige Auswertung der University of Technology Sydney ergab deutlich weniger Fehlzeiten und Stress bei stabilem Umsatz. Unilever führte das Modell in Neuseeland 2022 dauerhaft ein und startete einen größeren Folgeversuch in Australien (UTS Business School, 2022).

Was die großen Feldstudien zeigen

Seit 2022 gibt es zur Vier-Tage-Woche erstmals große Feldstudien statt einzelner Firmenbeispiele.

Im damals weltweit größten Versuch testeten 2022 rund 61 britische Unternehmen mit etwa 2.900 Beschäftigten sechs Monate lang die Vier-Tage-Woche bei vollem Lohn. 71 Prozent der Beschäftigten berichteten von weniger Burnout, die Fluktuation sank um 57 Prozent, und der Umsatz blieb im Schnitt stabil. 92 Prozent der Unternehmen behielten das Modell bei (Autonomy, 2023). Ein Jahr später liefen noch 89 Prozent von ihnen mit der Vier-Tage-Woche, 31 hatten sie dauerhaft eingeführt (Autonomy, 2024).

2024 folgte die bislang größte deutsche Studie. 45 Unternehmen testeten ein halbes Jahr lang verkürzte Arbeitszeiten, wissenschaftlich begleitet von der Universität Münster. Die Auswertung stützte sich nicht nur auf Befragungen, sondern auch auf Kontrollgruppen und objektive Gesundheitsdaten, darunter Cortisol-Messungen und Smartwatch-Daten zu Schlaf und Bewegung. 90 Prozent der Beschäftigten berichteten von mehr Wohlbefinden, sie schliefen und bewegten sich mehr, während Umsatz und Gewinn stabil blieben. 73 Prozent der Unternehmen wollten die Vier-Tage-Woche danach beibehalten (Universität Münster, 2024). Endgültige Ergebnisse sind für Februar 2026 angekündigt.

Die aktuelle Lage in Deutschland

So groß der Wunsch, so selten die Umsetzung. Rund 81 Prozent der Vollzeitbeschäftigten wollen eine Vier-Tage-Woche, 73 Prozent allerdings nur bei vollem Lohn (Hans-Böckler-Stiftung, 2023). Tatsächlich angeboten wird sie bislang erst von etwa 4 bis 11 Prozent der Unternehmen (Bertelsmann-Stiftung, 2025; ifo, 2024). Auch tariflich ist sie umkämpft: Die IG Metall forderte 2023 in der Stahlindustrie eine Vier-Tage-Woche mit 32 Stunden bei vollem Lohn, konnte sie aber nicht durchsetzen.

In Deutschland liegt die wöchentliche Arbeitszeit üblicherweise zwischen 35 und 42 Stunden, der gesetzliche Mindesturlaubsanspruch bei fünf Werktagen pro Woche bei 20 Tagen. Oft gewähren Unternehmen weitere Urlaubstage. Rechtlich lässt eine tägliche Höchstarbeitszeit von zehn Stunden zwar zu, eine 40-Stunden-Woche auf vier Tage zu verteilen, allerdings liegt man damit genau an der gesetzlichen Obergrenze. Für 2026 ist zudem eine Reform in Vorbereitung, die den täglichen durch einen wöchentlichen Höchstwert ersetzen soll (Haufe, 2024).

Fazit

Die Vier-Tage-Woche verlangt Unternehmen einiges ab. Sie müssen die Beschäftigten so organisieren, dass es am ausfallenden Arbeitstag Ersatz gibt, die Bänder in der Fabrik kontinuierlich laufen oder einen Verlust der Servicequalität in Kauf nehmen. Ohne zusätzliche Innovationen ist bei allen Jobs, bei denen körperliche Arbeit notwendig ist oder der Arbeitsalltag zeitlich durchterminiert ist, eine Reduktion bei gleichbleibender oder höherer Produktivität nur schwer vorstellbar. Zusätzlich kann es zu Konflikten zwischen Produktion und Verwaltung kommen, wenn es unterschiedliche Regelungen zur Arbeitszeit gibt. Der größte Streitpunkt ist jedoch, ob Beschäftigte bei weniger Arbeitszeit proportional weniger Lohn bekommen. Das können sich viele Unternehmen nicht leisten oder wollen nicht genauso viel Geld für weniger Arbeit zahlen. Auch muss das Modell zu den Bedürfnissen und Arbeitsweisen der Mitarbeitenden sowie zur Unternehmenskultur passen. Hier sind individuelle Lösungen gefragt.

Als Anbieter von Mitarbeiterbefragungen unterstützt Kultify Sie dabei, die Zufriedenheit Ihrer Mitarbeitenden zu messen und Ihre Unternehmenskultur weiterzuentwickeln. Buchen Sie dazu gern eine unverbindliche Demo.

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